Was trägt, wenn mir alles genommen wird?

Über 70 Interessierte waren der Einladung des Hospizvereins gefolgt und lauschten am 28.10.2010 im Saal der Paulusgemeinde dem Vortrag von Heribert Fischedick, Theologe und Psychotherapeut. Es ging um die „leidvolle Frage nach dem Sinn“, wenn man alles verliert, was einem lieb und teuer ist.

Eine junge Frau, die sich nach einer Kinderlähmung durch außerordentlich viel Übung aus dem Rollstuhl herausgearbeitet und wieder laufen gelernt hat, wird von einem Auto angefahren und schwer verletzt. Jetzt ist sie endgültig an den Rollstuhl gefesselt. Was soll man dazu sagen? Und wie hat es diese junge Frau geschafft, dass sie heute ihr Leben mit Freude und Optimismus lebt?

Mit diesem modernen Hiob-Beispiel aus dem eigenen Freundeskreis zeigte Fischedick, dass er weiß, wovon er spricht. Extreme Erfahrungen von Vergänglichkeit sind zeitlos. Hiob verliert alle weltlichen Güter, seine Kinder und seine Gesundheit. Seine Frau fordert ihn auf, Gott deshalb zu verfluchen. Auch wir reagieren auf einen Schicksalsschlag zunächst mit Entsetzen und Wut, wenn unser bisheriges Lebenskonzept wie ein Kartenhaus zusammenfällt und wir den Boden unter den Füßen verlieren. Diese Fassungslosigkeit wird in der Regel durch eine Phase der Leere und Erstarrung, der tiefen Depression und abgrundtiefen Hilflosigkeit abgelöst. Hiobs Freunde, die sieben Tage bei ihm sitzen, reden zunächst nicht, weil sie sehen, dass der Schmerz zu groß ist. Gut, wenn nach dieser Starre eine Phase der lauten Klagen und Gefühlsausbrüche folgt, weil dadurch Heilung beginnen kann. Toben und Schreien ist hilfreich, aber nicht die Frage nach dem „Warum?“ Dies ist eine Folterfrage, weil es keine Antwort darauf gibt. Es gibt keine einfachen Ursachen-Wirkungszusammenhänge und es gibt auch keinen reklamierbaren Anspruch auf Gerechtigkeit. Die Welt ist nicht gerecht.

Die Frage nach dem Warum führt in der Regel zu Schuldgefühlen. Hiobs Freunde symbolisieren sein Gewissen. Sie argumentieren, dass Hiob selber Schuld sein muß. Und wem würden nicht „Sünden“ einfallen, für die man „bestraft“ werden könnte? Auch das ist eine zeitlose Alltagserfahrung: Wer aus der Ordnung fällt, erlebt nicht unbedingt Unterstützung, sondern wird oft gemieden, weil sein Umfeld dieses Elend nicht aushalten kann.

Schuldgefühle taugen nie etwas. Sie behindern die entwicklungsfördernden Eigenschaften und nehmen dem Menschen die Kraft, sich den wirklichen Fragen zu stellen. Wenn die äußere Welt und das bisherige Selbstverständnis wegbrechen, wird eine spirituelle Erfahrung möglich: Der Mensch ist durch das, was wesentlich in ihm ist.

Wir kennen das Bild des Drachenkampfes. Der Drache symbolisiert den Schrecken der Natur, das Chaos und all die leidvollen Zumutungen. Wir leben in einer polaren Welt, die Existenz des Bösen gehört unabänderlich dazu. Wir können die Macht des Chaos nur dann einschränken, wenn wir uns bewusst machen, dass wir keinerlei Recht haben, irgendetwas zu beanspruchen. Wenn wir darauf setzen, dass materielle Dinge bleiben, geraten wir mit unseren Wünschen in Widerspruch zur Realität. Wir sollen nicht darauf bauen, was uns jederzeit genommen werden kann. Arbeitsplätze, Vermögen, Gesundheit und liebe Menschen kann man verlieren, auch der Fels war einmal butterweich. Nichts in dieser Welt ist von Dauer, alles sind zeitweilige Gaben. Wir können nur zurückgeben, was wir bekommen haben. Alles ist Werden und Vergehen.

Hiob gewinnt den Drachenkampf. Er kommt zu der Einsicht: Nackt bin ich gekommen, nackt gehe ich zurück, der Name des Herrn sei gepriesen. Wenn man nicht an der Leiderfahrung zugrunde geht, sondern diese tiefe Einsicht in das Werden und Vergehen gewinnt, dann wandelt uns diese persönliche Lebenserfahrung vom Opfer zum Gestalter. Wir werden die Welt von da an anders wahrnehmen. Solch eine Sinnfindung kann nicht „verordnet“ werden. Wir können Sinn nur in einem an die Substanz gehenden Prozeß finden. Dabei bleibt uns vielleicht nur unser unzerstörbarer Personenkern, so wie Gott dem Teufel erlaubt hatte: „Du darfst Hiob alles nehmen, aber nicht die Seele“. In Verbindung mit diesem Wesenskern kann Hiob die schreckliche Situation so lassen, wie sie ist.

Leider setzt unsere Kultur auf Expansion und wir lernen nicht, wie wir mit Ohnmacht umgehen können. Wer am Herzinfarkt stirbt, gilt als „Held der Arbeit“, wer vorher klagt, gilt als „Weichei“. Wir sind auf Jugend, Schönheit und Glück aus und glauben, alles sei nur eine Frage des richtigen Wollens. Damit leiden wir an grandioser Selbstüberschätzung, denn es gibt keine einfachen Ursache-Wirkung-Zusammenhänge und keine „Rezepte“. Wenn unsere Kultur uns nicht hilft, uns auf das Werden und Vergehen einzulassen, wie können wir das lernen? Wir müssen selber unsere Werte und Überzeugungen überprüfen. Wir können auf Leid mit Rebellion, Resignation, aber auch letztlich mit Einverständnis reagieren. Auch das Scheitern hat Wertschätzung verdient.

Es gibt für uns Menschen eine letzte Einsamkeit, die nicht aufgehoben werden kann. Aber es ist eine Gnade, wenn man Freunde hat, die nicht im Selbstmitleid verharren, sondern wie Veronika mit dem Schweißtuch zutiefst einfühlsam mit einer kleinen Geste zeigen, dass sie da sind und das Elend wahrnehmen. Das kann uns Halt geben.

Die Geschichte von Hiob geht gut aus: Er kommt zu neuem Wohlstand. Das bedeutet für uns: wenn wir Menschen uns auf materielle Werte stützen, die uns genommen werden können, sind wir verletzlich. Aber wenn es uns möglich ist, unseren göttlichen Wesenskern als das Wichtigste zu sehen und uns mit der Vergänglichkeit einverstanden zu erklären, dann werden wir beschenkt werden, das Leben wird reicher, tiefer, wesentlicher. Die Entwicklung unserer Persönlichkeit ist ein Gewinn, der uns nicht genommen werden kann.

In der anschließenden Diskussion zeigten sich die Zuhörerinnen und Zuhörer außerordentlich beeindruckt von den Ausführungen Fischedicks und bedankten sich mit einem lebhaften und herzlichen Applaus.

Marita Meye

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Brandneu sind zwei Beiträge von Heribert Fischedick erschienen:
- Die Anatomie von Ritualen,
- Rituale im Umfeld des Todes,
in: Karolin Küpper-Popp und Ida Lamp (Hrsg.), Rituale und Symbole in der Hospizarbeit - ein Praxisbuch; Gütersloher Verlagshaus, 16,95€.

Mehr über Heribert Fischedick erfahren Sie unter www.heribert-fischedick.de